Short Prose

  • Der Nachsommerduft zieht durch die offenen Fenster, das Licht der Sonne taucht den Tag in warmen Glanz. Drinnen liegt ein leises Summen in der Luft, Gespräche verweben sich mit vereinzeltem Lachen. Eltern begrüßen sich, tauschen Blicke aus – manche seit Jahren vertraut, andere begegnen sich zum ersten Mal.

    In den ersten Reihen sitzen sie: 32 kleine Menschen, auf dem Sprung in ein neues Abenteuer. Manche wippen mit den Beinen, andere lassen die Hände im Schoß ruhen. Blicke schweifen durch den Raum, voller Staunen oder konzentrierter Ruhe. Unsere Tochter sitzt still, beobachtend, während wir hinter ihr fast unruhiger sind als sie. Wir kennen diesen Moment, haben ihn schon einmal durchlebt. Und doch fühlt er sich neu an, wie ein Buch, dessen Seiten sich erneut aufschlagen – vertraut und doch ungeschrieben.

    Ein leises Flüstern, ein Lächeln der großen Schwester, die sich zu ihr beugt. Worte, die Mut machen, die sie vielleicht gar nicht braucht. Die Paten treten in den Raum, ordnen zu große Rucksäcke, schenken sanfte Blicke. Nach und nach steigen die Kinder die hölzernen Stufen zur Bühne hinauf. Erst zögernd, dann mit mehr Sicherheit, bis 32 erwartungsvolle Gesichter das Bühnenlicht füllen.

    Die Lehrerin begrüßt sie, stellt die vielen helfenden Hände vor. Mit jeder Minute rücken die Kinder ein Stück näher zusammen – eine bunte Reihe, in der jeder seinen Platz findet. Noch ein wenig suchend, doch genau richtig, genau hier. Ein Moment der Stille breitet sich aus. Blicke wandern, ein kurzes Lächeln, ein verstohlener Seitenblick ins Publikum.

    Das Klicken der Kamera fängt diesen flüchtigen Augenblick ein. Manche blinzeln ins Licht, andere schauen konzentriert nach vorne. Doch alle sind da. Jeder für sich – und doch als Teil von etwas Größerem. Ein Bild, das bleibt. Ein Bild, das Jahre später in der Schülerzeitung aufgeschlagen wird, mit einer Stimme, die sagt: Weißt du noch?

    Langsam löst sich die Gruppe. Hände greifen nach Händen, ein erster gemeinsamer Schritt. Hand in Hand, verbunden durch ein goldenes Band. Die kleine Treppe hinunter, durch die offene Tür, wo die Luft noch die Wärme des Sommers trägt. Stimmen und Lachen mischen sich mit dem sanften Rauschen des Windes. Die Türen zum Klassenzimmer öffnen sich, drinnen wartet die erste Schulstunde.

    Draußen stehen die Eltern zusammen, plaudernd, lächelnd. Es duftet nach Waffeln, nach Kuchen, nach etwas Vertrautem. Auf dem Schulhof tanzen bunte Schultüten in aufgeregten Händen, gefüllt mit Geheimnissen, die nur darauf warten, gelüftet zu werden.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit erscheinen sie wieder – unsere Kinder. Augen leuchten, Finger lösen vorsichtig die Schleifen, als hielten sie den Beginn eines Abenteuers in den Händen.

    Während sie die ersten Schätze ihres neuen Weges entdecken, blöken die Schafe in der Ferne, als wollten sie sagen:
    „Willkommen, kleines Schulkind – die Welt wartet auf dich.“

  • Er steht bereits am Tisch. Aufrecht. Die Hand an der Stuhllehne, die er auf den Hinterbeinen wippen lässt.
    Ein Lächeln. Zu ungezwungen. Fast jungenhaft.
    „Setz dich.“
    Ich schlucke sichtbar. In Sekundenschnelle scanne ich das Wohnzimmer. Kerzenlicht. Zum Glück nicht in Herzform.
    „Scrabble.“
    Er zeigt auf das Brett, deutet stumm auf den Stuhl. Ich setze mich.
    Er hasst dieses Spiel.
    Für ihn nur Buchstaben.
    Für mich Rotweinränder auf weißen Tischdecken, schief gelegte Wörter und Bauchweh vom Lachen.
    Er läuft um den Tisch. Zu schnell. Stößt sich an der Ecke, genau an seiner Hüfte. Verzieht das Gesicht. Überspielt es sofort.
    „Wein.“
    Er zeigt auf die Flasche.
    Ich kneife die Augen zusammen, um das Etikett zu lesen.
    Margaux. Zehn Jahre.
    Mir wird heiß. Der Korken ploppt endlich. Rauch steigt auf.
    Ich schiele zum Schrank. Hinter dem getrübten Fenster das Paracetamol und meine Rescue-Tropfen.
    Dann setzt er sich.
    „So“, reibt sich die Hände. Staubfussel wedeln hoch.
    Wir schauen uns an. Wieder ein Stechen im Hinterkopf. Oder sind es die Bauarbeiter draußen, die den Fußgängerweg aufbrechen?
    Dann der Alarm des Backofens.
    Wir zucken zusammen. Er schiebt seinen Stuhl nach hinten über die Eichendielen, der kippt beinahe gegen das Fensterbrett. Er fängt ihn rechtzeitig auf.
    Gute Reflexe, denke ich.
    Dann bin ich alleine im Raum.
    Ich schleiche zum Apothekenfach. Hole das Schnapsglas heraus. Auf Zehenspitzen zurück für einen kleinen Schuss Margaux. Ich drücke ein Paracetamol aus der Folie.
    Zwei Sprühstöße Rescue Remedy hinterher.
    Einen dritten auf die dünne Haut am Handgelenk.
    Augen zu.
    In der Küche schlägt die Ofentür zu. Teller klappern. Ein Summen und Bratenduft wehen herüber.
    „Möchtest du dein Bambusbesteck oder Silberbesteck?“, eine Spur zu laut. Jikke schläft.
    „Das, was du nimmst. Danke“, sage ich noch lauter, damit sie hoffentlich aufwacht.
    Ich sitze wieder, als er vorbeieilt. Eine Serviette über der Schulter wie der Garçon, aber sportlicher.
    Ich versuche am Duft zu erraten, was ich gleich verschlingen werde.
    Den ersten Teller stellt er mit einer feierlichen Geste hin.
    Ich beuge mich vor.
    Wie lange muss ich noch warten?
    Dann stellt er seinen Teller ab.
    „Warte noch.“
    Er verschwindet wieder in der Küche.
    Den Blick auf die dampfende Aubergine gerichtet. Atme flach.
    Gleich darauf steht er wieder im Raum. Mit einem Salat auf einem Silbertablett, einem Dressing in der Porzellanschale meiner Mutter.
    Endlich setzt er sich. Legt die Serviette auf den Schoß.
    Ich mache es ihm nach. Wie im Nobelrestaurant.
    „Aubergine wird weich durch Hitze.
    Wie Menschen durch Nähe.“
    Sein Blick tief in meinen Augen. Er reicht mir beide Hände über den Tisch.
    Ich nehme sie.
    Wärme steigt in meinen Unterarmen auf. Hundertachtzig Grad.
    Ich frage mich, wie lange noch, bis ich die Aubergine erledigen darf.
    Ein Kuss in der Luft.
    Ich schließe die Augen.
    Meine Lippen lächeln.
    Ich nicht.

    aus dem Roman „Noch einmal du“

  • Das Dorf, aus dem ich komme, war klein.
    Immerhin hatte es eine Kirche. Jedes Mal, wenn wir in unsere Straße fuhren, bogen wir an ihr ab. Eigentlich gab es sogar zwei Kirchen: eine gleich am Anfang unserer Wohnstraße, die andere direkt vor der Schule.

    Das Dorf war ruhig. Es passierte nicht viel.
    Die Kinder gingen zur Schule, tagsüber arbeiteten die Eltern, am Wochenende war Markt. Es gab kleine Läden – bis die großen Supermärkte kamen und sie nach und nach verdrängten. Das Bild des Dorfes veränderte sich leise, aber spürbar. Nur die Schule stand noch immer da.

    Und ich – ich saß hinter den großen Fenstern, mit Blick auf die Kirche. Von dort konnte ich genau sehen, wer hinein- und hinausging. Manchmal große Gruppen in Schwarz, manchmal einzelne Menschen, auf der Suche nach Ruhe, Trost oder Hoffnung.

    Ich war ein verträumtes Kind. Schule fand ich langweilig. Vor allem Mathe war mein Feind. Ich saß still da, auch dann, wenn der Lehrer vor der Tafel aufstampfte und die Kreide auf den Boden warf, weil ich die Aufgabe nicht verstand. Still beobachtete ich, wie er rot anlief. Stressrot, dachte ich. Kleine Tropfen Speichel flogen auf den grauen Teppich, während er herumbrüllte – als hätte sich eine Wespe in seinem Ärmel verfangen und er versucht, sie herauszuschütteln.

    Eines Tages erfuhren wir, dass etwas im Dorf passiert war.
    Eine Familie hatte eine Tragödie erlebt: Die Mutter hatte sich das Leben genommen. Sie hinterließ zwei kleine Kinder und einen Mann. Das Haus lag in der Nähe der Schule. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, lief mir ein Schauer über den Rücken.

    Wie verzweifelt muss jemand sein, um sich das Leben zu nehmen?
    Nicht einmal mehr die Kraft zu haben, an einen Ort zu gehen, an dem man ganz allein ist, ungestört – nein, sie hatte es im Haus getan. Im Wohnzimmer. Ihr Mann musste sie gefunden haben.

    Was hat sie gedacht in diesem Moment?
    Wollte sie es rückgängig machen, als es schon zu spät war?

    aus dem Roman „Tee mit einer Unbekannten“

  • Schnelle Schritte auf der Treppe, ein Zeichen von Aufregung.

    Nur noch rasch die vielen Zöpfe auseinandernehmen. Die Haare sollten unter dem schönen Blumenkranz wellig sein. So hat sie, C. , es am Abend gesagt, als viele Hände fleißig am Werk waren. Nun sitzt sie erneut geduldig da, während aufgeregte Hände die Zöpfe zum Wellen verzaubern .

    Bald sind wir in der Schule, und obwohl alles neu ist, fühlt es sich vertraut an. Viele nette Gesichter, die bestimmt genauso aufgeregt sind wie wir. Nur die Einschulungskinder in den ersten beiden Reihe sitzen in aller Ruhe wie selbstverständlich da, begrüßen sich, schauen und staunen und warten geduldig ab, während die Aufregung der Erwachsenen langsam verebbt.

    Als das Stimmengewirr verstummt, betrachten wir das Geschehen auf der Bühne. Melodisch, bewegend, bunt und spannend. Jedes einzelne Kind betritt mutig, freudig, aufgeregt und mit Respekt die große Bühne. Jedes Kind weiß instinktiv, was es tun muss, und macht ganz alleine den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt.

    Da stehen sie dann auf der großen Bühne, alle Kinder der ersten Klasse und unser Mädchen mit ihrem großen Rucksack dazwischen. Sie lächelt und wir lächeln, als die Geigenklänge von draußen den Weg zum Fenster finden und die Kinder mit all ihrer Freude und Stolz zur ersten Stunde mit der Lehrerin begleiten. Das wird bestimmt ein schönes und aufregendes erstes Schuljahr!

  • Eine Frau eilt an mir vorbei. Kaffee im Pappbecher. Adrett. Ihr Mantel weht im Takt hinter ihr her. Sie schaut mich an. Was sieht sie?
    Eine Frau, die es geschafft hat?
    Ein Kind. Wahrscheinlich einen Mann dazu. Eine nette Wohnung in einer der schönsten Gegenden Wilmersdorfs. Müde, aber gut aussehend. Immerhin gut aussehend.
    Ein seidener Schal, zweimal um den Hals gewickelt.
    Eine grünkarierte Bluse mit kleinen Strasssteinchen, mit Puffärmeln.
    Ich sehe an mir hinunter.
    Die enganliegende Hose. Schwarze Sandaletten. Peep-Toes – so nennt man sie. Nur die Zehen, die herausschauen, sind lackiert. Burgunderrot. Wie die Wandfarbe in unserem Schlafzimmer. Den Rest in der Eile vergessen.
    Jetzt erst merke ich die Wärme. Ungewöhnlich warm. Und doch zittere ich. Am ganzen Körper. Eine Kälte, die so tief sitzt, dass selbst ein heißes Wannenbad sie nicht vertreiben wird.
    Eine Kälte, die sich seit zwanzig Jahren ausgebreitet hat. Seit dem Tag, an dem ich den Brief abschickte und seine Antwort kurz darauf erhielt.
    Meine Schritte werden langsamer, als ich die blaue Jugendstiltür erreiche.
    Drei Etagen warten auf mich.
    Ich lege die Hand auf den bronzenen Türgriff. Warte einen Moment. Blicke zurück auf den Weg, den ich gekommen bin.
    Manchmal frage ich mich, wie ich hier gelandet bin. Mit Möglichkeiten. Mit Samtgardinen. Mit Sicherheit. Mit allem, was man sich wünschen kann.
    Es fühlt sich an, als hätte ich irgendwo unterwegs eine andere Version von mir zurückgelassen. Eine, die noch an große Liebe glaubt. Oder eine, die entschlossen ist, jetzt den Schritt zu wagen.
    Dann drücke ich.

    aus dem Roman „Noch einmal du“